Sutor Bank: Stimmungswechsel am Anleihenmarkt? Erstmals seit mehr als 2 Jahren mehr Hoch- als Herabstufungen – Vorsicht bleibt Trumpf

Steht der Anleihenmarkt vor einem Stimmungswechsel? Zum ersten Mal seit Dezember 2018 haben in den vergangenen Wochen die Hochstufungen die Herabstufungen bei den Anleihen-Ratings weltweit überwogen. Das geht aus einem aktuellen Bericht der Rating-Agentur Standard & Poor‘s hervor[1]. Laut Rating-Agentur stelle dies einen „signifikanten Wendepunkt“ dar. Nach Ansicht von Lutz Neumann, Leiter Vermögensverwaltung der Hamburger Sutor Bank, sei dies zwar eine gute Nachricht, da sie auf eine insgesamt stabilere wirtschaftliche Situation vieler Unternehmen und Staaten hindeute. Gleichwohl sollte diese Tatsache jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die wirtschaftlichen Aussichten gerade für Unternehmen längst nicht so rosig seien wie dies die Zahlen nahelegten. „Für Anleihenanleger gilt es, weiterhin Vorsicht walten zu lassen und auf breite Streuung zu setzen“, sagt Lutz Neumann. 

Zahl der Herabstufungen hat deutlich abgenommen

Dass es inzwischen mehr Hoch- als Herabstufungen gibt, hat gemäß der S&P-Zahlen vor allem damit zu tun, dass die Zahl der Herabstufungen deutlich gesunken ist. Demnach gab es in den vergangenen 13 Monaten, seit Beginn der Corona-Pandemie, allein ca. 2.100 Herabstufungen weltweit bei staatlichen Emittenten sowie bei Emittenten aus dem Unternehmens- und Finanzbereich in Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie und den Verwerfungen am Ölmarkt[2]. Im Jahr 2021 gab es demnach bislang nur 63 negative Ratings in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie – ein deutlicher Rückgang der Herabstufungen. 

Zu Beginn der Pandemie im vergangenen Jahr schnellte die Anzahl der Downgrades vor allem im Bereich der Unternehmen außerhalb des Finanzsektors in die Höhe. Inzwischen ging diese Zahl zwar wieder deutlich zurück – doch nach wie vor ist die Zahl von Downgrades in diesem Segment höher als bei Unternehmen aus dem Finanzsektor sowie bei staatlichen Emittenten. Mit Blick auf regionale Unterschiede war Nordamerika besonders stark während der Corona-Pandemie von Downgrades betroffen, deutlich mehr als Europa, die Emerging Markets oder die Region Asien-Pazifik. Inzwischen hat sich Nordamerika aber wieder deutlich erholt.

Vorsicht vor allzu optimistischem Ausblick: „Erst bei Ebbe zeigt sich, wer nackt geschwommen ist“

Nach Meinung von Lutz Neumann muss der scheinbare Stimmungswechsel am Anleihenmarkt im Kontext betrachtet werden: „Es ist gewagt, schon jetzt von einer Trendumkehr am Anleihenmarkt zu sprechen. Denn es muss berücksichtigt werden, dass vor allem das Fluten der Zentralbanken mit Geld und staatliche Maßnahmen wie etwa in Deutschland das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht viele Firmen vorerst gerettet haben dürfte. Die Unternehmen, die vor der Pandemie bereits gewackelt haben, sind durch die stützenden Maßnahmen noch nicht endgültig umgefallen“, erklärt der Kapitalmarktexperte. Doch negative Effekte könnten sich nach Auslaufen der Maßnahmen zeitverzögert einstellen. „Erst bei Ebbe zeigt sich, wer nackt geschwommen ist“, erklärt Neumann. 

Grundsätzlich sieht der Experte trotz der drohenden Gefahren jedoch auch weiterhin Anleihen als wichtigen Portfoliobestandteil. Denn nach wie vor erfüllten Anleihen die Funktion, ein Portfolio zu stabilisieren. Dies sei deshalb wichtig, da an den Aktienmärkten wiederum die Volatilität aus Sicht von Lutz Neumann im Laufe des Jahres zunehmen könnte, wenn die Auswirkungen der Pandemie noch stärker hervortreten dürften. 

Im Hinblick auf das Anleihenportfolio bleibt es umso wichtiger, breit über möglichst viele Anleihensegmente zu streuen. Aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsen sollte dabei nicht zu stark auf höher rentierende Anleihen mit schlechter Bonität – sogenannte „Junk Bonds“ – gesetzt werden, da gerade auch mit diesen ein deutlich größeres Ausfallrisiko verbunden ist. „Wenn es bei Anleihen durch die verzögerten Auswirkungen der Pandemie zu deutlich mehr Ausfällen kommt, sollte möglichst kein nennenswerter Teil betroffen sein. Je mehr gestreut wird, desto stabiler ist das Depot bei Rückschlägen“, sagt Neumann.