Die Zukunft nachhaltigen Wachstums wird nicht mehr im globalen Norden entschieden und in den Emerging Markets nur noch umgesetzt. Die Zukunft wird zunehmend von jenen Ländern geprägt, die vor den drängendsten Herausforderungen stehen und über die größten Chancen verfügen. „Da Emerging Markets stärker wachsen und ihre Probleme selbst immer besser lösen, erzwingen sie ein Umdenken darüber, wie Kapital aufgebracht, geteilt und gesteuert wird“, sagt Sylvia Wisniwski, CEO von Finance in Motion.
Jahrzehntelang beruhte die internationale Zusammenarbeit auf einer klaren Prämisse: Kapital und Know-how fließen von Nord nach Süd. Emerging Markets galten vor allem als Investitionsziele, weniger als Partner. „Diese Annahme ist überholt“, sagt Wisniwski.
Schwellen- und Entwicklungsländer werden nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds voraussichtlich rund 60 Prozent des globalen Wirtschaftswachstums der kommenden fünf Jahre ausmachen. Gleichzeitig leben laut Weltbank etwa 85 Prozent der Weltbevölkerung hier. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur werden sie vermutlich über 80 Prozent des künftigen Zuwachses der globalen Energienachfrage ausmachen. Die Märkte, die darüber entscheiden werden, ob die Welt ihre klima-, entwicklungs- und wirtschaftspolitischen Ziele erreicht, stehen längst nicht mehr am Rand der Weltwirtschaft. Sie sind ihr Dreh- und Angelpunkt.
Beispiel Brasilien: Das Land vereint etwa 20 Prozent der weltweiten Biodiversität auf sich, rund 60 Prozent des Amazonas-Regenwaldes liegen in Brasilien. Das Land erzeugt knapp 90 Prozent seines Stroms aus emissionsarmen Quellen und ist damit eine der saubersten großen Volkswirtschaften. Allein 2024 flossen schätzungsweise 37 Milliarden US-Dollar an Investitionen in Projekte für saubere Energie.
Auch bei der globalen Nahrungsmittelproduktion spielt Brasilien eine strategische Rolle. Das Land gehört zu den weltweit größten Anbietern von Sojabohnen, Rindfleisch, Kaffee, Zucker, Orangensaft, Baumwolle, Mais und Geflügel. Damit bekommt das Land angesichts wachsender Nachfrage, klimatischer Schwankungen und anhaltenden Drucks auf die Lebensmittelpreise eine Rolle, die weit über den Handel hinausgeht. Die entscheidende Frage ist daher, wie das Land Versorgung, Produktivität und Widerstandsfähigkeit ausbauen kann, während es die Biodiversität schützt und den Druck auf natürliche Ressourcen verringert.
Das Kapital dafür steht bereit: Institutionelle Investoren suchen zunehmend nach größeren, skalierbaren Investitionsplattformen. Entwicklungsfinanzierungsinstitutionen nutzen verstärkt kapitalmarktbasierte Lösungen, Verbriefungsstrukturen und Risikosteuerungen, um privates Kapital effizienter zu mobilisieren. Geber prüfen Möglichkeiten, risikoteilende Instrumente einzusetzen, um Investitionen direkt und im großen Maßstab freizusetzen. Dahinter verbirgt sich ein grundlegender Wandel: „Die Debatte dreht sich längst nicht mehr darum, ob Schwellenländer einen Platz am Tisch verdienen. Zunehmend werden die Länder, die einst als Empfänger globaler Lösungen galten, zu deren Architekten“, sagt Wisniwski.

