J.P. Morgan AM: Europas vermeintlicher Nachteil wird zum Trumpf

Wenn es um technologische Entwicklungen und deren Monetarisierung geht, haben die USA mit ihren Big-Tech-Unternehmen nach wie vor die Nase gegenüber Europa vorn. Das, was als strukturelles Manko gegenüber den USA gilt, könnte sich bei der Geldanlage aus Sicht von Jon Ingram, Portfoliomanager für europäische Aktien in der International Equities Group bei J.P. Morgan Asset Management, aber als Trumpf erweisen. Weil Anlegerinnen und Anleger ihre Portfolios aus der Abhängigkeit von KI- und Tech-Werten herauslösen wollen, strömt Kapital genau dorthin, wo der Technologieanteil gering ist – nach Europa. „Europäische Aktien haben in den ersten Monaten dieses Jahres eine starke Nachfrage verzeichnet“, stellt Jon Ingram fest. Rückenwind liefern dabei auch fiskalische Anreize, niedrigere Zinssätze und attraktive Bewertungen. Obwohl der Konflikt im Nahen Osten sowie weiter geopolitische Risikofaktoren weiterhin für Volatilität sorgen, bleibe der Gesamtausblick für europäische Aktien im Großen und Ganzen positiv, so Ingram. Ingram hat drei Gruppen identifiziert, in denen sich besonders interessante Werte finden: Gewinner im Verbraucherbereich, „verborgene Schätze“ sowie Nutznießer der Konjunkturprogramme. Entscheidend sei dabei, Werte gezielt zu identifizieren und dynamisch auf veränderte Anlagechancen zu reagieren, ohne dass kurzfristige Schwankungen die Entscheidungen diktierten.

Gewinner im Verbraucherbereich

Auf den ersten Blick scheinen Europas Konsumsektoren laut dem Experten keine lukrativen Anlagemöglichkeiten zu bieten, da sich die Konsumausgaben in der gesamten Region schon länger in einer Flaute befinden. Schaue man jedoch genauer hin, zeige sich, dass die europäischen Verbraucherinnen und Verbraucher wieder Zuversicht gewinnen – nicht zuletzt dank sinkender Zinsen und Ersparnisse, die sie während der Pandemie aufbauen konnten. Anders als in den USA hätten Verbraucher der Eurozone diese Ersparnisse bisher kaum angerührt, was eine gute Grundlage für eine Erholung der Binnennachfrage sei.

Davon profitieren auch Europas Banken. Nur einer der Gründe, warum der Finanzsektor nach Einschätzung von Ingram Beachtung verdient: Europas Banken wurden von der Niedrigzinsphase der 2010er Jahre schwer getroffen, konnten dank Kostensenkungen und Digitalisierung jedoch ihre frühere Rentabilität wiedererlangen. „Es scheint kaum zu glauben zu sein, aber in den letzten fünf Jahren haben die europäischen Banken tatsächlich die Aktien der ‚Magnificent Seven‘ übertroffen“, betont Ingram. Er sieht derzeit besonders attraktive Bewertungen etwa bei der AIB in Irland oder der Banco Santander aus Spanien. Auch der Versicherungsbranche, etwa dem Allianz-Konzern, traut Ingram noch einiges zu.

Verborgene Schätze: Kleine und mittelständische Unternehmen mit unterschätztem Potenzial

Europas „verborgene Schätze“ finden sich nach Ansicht von Portfoliomanager Ingram in den unterschiedlichsten Branchen, insbesondere unter kleinen und mittelständischen Unternehmen. Als Beispiel nennt Ingram die Asmodee Group, einen Brettspielhersteller, der von den wachsenden Sorgen um Kinder und deren digitalen Gewohnheiten profitiere. Die Spiele von Asmodee, wie zum Beispiel „Ticket to Ride“, werden laut Ingram immer beliebter bei Eltern, die die Bildschirmzeit ihrer Kinder reduzieren wollen.

Einen weiteren verborgenen Schatz sieht Ingram im französischen Energieversorger Engie. Der Titel biete eine Dividendenrendite von 7,5 Prozent, was die Fokussierung auf den Shareholder Value widerspiegle. Auch die Bewertung sei im Vergleich zu einem Energiesektor, der aufgrund der voraussichtlich steigenden Nachfrage im Bereich Rechenzentren einige der stärksten Wachstumsprognosen seit Jahren aufweise, attraktiv. Besonders hervorzuheben seien jedoch die Prognosen zum Gewinnwachstum, die sich der flexiblen Erzeugungskapazität von Engie verdankten – „ein enormer Vorteil in einem Markt, der zunehmend auf unvorhersehbare erneuerbare Energieerzeugung angewiesen ist“, sagt Ingram.

Nutznießer der Konjunkturprogramme

Bei der Aktienauswahl spiele die Politik derzeit eine entscheidende Rolle, so Ingram. Bislang stand bei der Finanzpolitik vor allem Deutschland im Vordergrund. Als Beispiel nennt er Bilfinger, ein gut geführtes deutsches Industrieunternehmen mit mittlerer Marktkapitalisierung, das überwiegend in Deutschland tätig ist, und von den deutschen Infrastrukturausgaben profitieren dürfte.

Doch auch andere europäische Regierungen beginnen inzwischen, ihre Investitionen in Verteidigung, Digitalisierung, Infrastruktur und die Energiewende zu erhöhen. „Diese Ausgaben sind zwar ungleichmäßig verteilt, aber sie sind real, erstrecken sich über mehrere Jahre und erweitern die adressierbaren Märkte vieler europäischer Unternehmen“, betont Ingram. Im Hinblick auf Verteidigungsausgaben hält er den spanischen Rüstungskonzern Indra Sistemas für attraktiv, da Spanien seinen NATO-Ausgabenverpflichtungen weit hinterherhinke. Bei Infrastruktur und Elektrifizierung hält Ingram den französischen Industriekonzern SPIE für interessant, da er im Zuge des Übergangs zu saubereren Energiequellen vom europäischen Thema der Elektrifizierung profitieren dürfte. Generell würden die staatlichen Investitionszusagen beginnen sich in den Gewinnprognosen niederzuschlagen, auch wenn die Planung und der Bau großer Infrastrukturprojekte komplex seien und die Ausgaben bisher langsamer geflossen seien.

„Während viele Märkte in den USA und Asien mittlerweile von Technologieausgaben und -gewinnen abhängig sind, bietet Europa durch seine sektorale Breite genau die Diversifizierung, nach der Anlegerinnen und Anleger heute suchen“, fasst Jon Ingram die gestiegene Attraktivität Europas zusammen. Entscheidend sei es jedoch, selektiv und benchmarkunabhängig mit einer Bottom-Up-Aktienauswahl vorzugehen.

Europe Dynamic Fund: Aktives Management als Erfolgsfaktor

Ein überzeugendes Beispiel für eine langjährig bewährte Umsetzung dieser Strategie ist der JPMorgan Funds – Europe Dynamic Fund, der von Jon Ingram gemeinsam mit Blake Crawford  und Alex Whyte gemanagt wird. Sie kombinieren klassische Fundamentalanalyse mit quantitativen Modellen und KI-gestützten Analysen, um aus einem Anlageuniversum von rund 2.000 europäischen Unternehmen gezielt jene Titel auszuwählen, die durch Qualität, attraktive Bewertung und positives Momentum überzeugen. Das Portfolio umfasst typischerweise zwischen 50 und 70 Aktien, die flexibel über Sektoren und Marktkapitalisierungen in der Region hinweg zusammengestellt werden. Der Europe Dynamic Fund konnte zuletzt besonders von den strukturellen Veränderungen in Europa profitieren und zeigt, wie wichtig aktives Management gerade in einem sich wandelnden Marktumfeld ist. 

Weitere Informationen zum JPMorgan Funds – Europe Dynamic Fund