Der Krieg gegen den Iran könnte die USA strategisch noch teurer zu stehen kommen als gedacht. Nicht, weil Ölpreise steigen, die Inflation angeheizt wird, Aktienmärkte einbrechen. Sondern weil eine der Säulen der US-Dominanz im Welthandel erodiert: das System Petrodollar. „China hält sich derzeit trotz der strategischen Relevanz von iranischem Öl auffällig zurück“, sagt Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. „Trotzdem könnte es der größte Profiteur der Krise sein, wenn sich seine langjährige Vorbereitung auszahlt und der Yuan die Alternative zum US-Dollar im Welthandel wird.“
China scheint hier eine Strategie der strategischen Geduld zu verfolgen. Wo die aktuelle Eskalation erhebliche politische, militärische und finanzielle Ressourcen der Vereinigten Staaten bindet, inszeniert sich China als stabile und berechenbare Alternative. Konflikte im Nahen Osten waren bereits in der Vergangenheit kostspielig, doch selten wirkten sie so destabilisierend auf eine der zentralen Energie- und Handelsregionen der Welt. „Für strategische Wettbewerber wie China eröffnet sich dadurch ein klassisches geopolitisches Zeitfenster“, sagt Fischer. „Gerade weil es nicht unmittelbar Partei ergreift oder sogar militärisch eingreift, kann es dennoch indirekt profitieren – etwa durch wirtschaftliche oder institutionelle Alternativen.“
Denn derzeit wächst innerhalb der Golfregion eine bemerkenswerte wirtschaftspolitische Nervosität. Vertreter Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwaits und Katars haben laut Berichten intern die ökonomischen Folgen der aktuellen Konfliktlage diskutiert. „Im Mittelpunkt stehen steigende Verteidigungs- und Sicherheitskosten, mögliche Störungen von Handelsströmen sowie Belastungen für Tourismus, Luftfahrt und Energieexporte“, so Fischer. Gleichzeitig überprüfen einige Golfstaaten laufende Investitionen und zukünftige Kapitalzusagen, um potenzielle wirtschaftliche Schäden durch eine weitere Eskalation zu begrenzen. „Hier könnte Kapital in großem Umfang neu allokiert werden“, sagt Fischer.
Die Tragweite solcher Überlegungen ist erheblich. Die Staatsfonds der Golfmonarchien gehören zu den größten Kapitalsammelstellen der Welt. Noch vor Kurzem hatten sie Investitionen von mehreren Hundert Milliarden US-Dollar in den Vereinigten Staaten in Aussicht gestellt. „Eine Neubewertung dieser Kapitalströme könnte unmittelbare Auswirkungen auf globale Finanzmärkte haben“, sagt Fischer. „Und auf die Zusammenarbeit mit den USA, deren Vorgehen als riskant gesehen wird und das die Geschäftsmodelle der Golfstaaten direkt bedroht.“
Hinzu kommt die strategische Dimension: Die Golfmonarchien bilden historisch das Fundament des sogenannten Petrodollar-Systems. Seit den 1970er-Jahren wird ein Großteil des internationalen Ölhandels in US-Dollar abgewickelt. „Dieses Arrangement hat maßgeblich dazu beigetragen, die Rolle des Dollars als dominante Weltreserve- und Handelswährung zu zementieren“, sagt Fischer. „Sollten zentrale Energieexporteure ihre wirtschaftlichen Beziehungen jedoch stärker diversifizieren, könnte sich die globale Währungsarchitektur langfristig pluralisieren.“
China hat sich auf eine solche Entwicklung bereits seit Jahren vorbereitet. Mit der Belt-and-Road-Initiative entstand ein weitreichendes Infrastruktur-Netzwerk, das Häfen, Eisenbahnlinien, Straßen, Stromnetze, Glasfaserkabel und Logistikzentren in mehr als 150 Ländern umfasst. Diese physische Infrastruktur schafft langfristige wirtschaftliche Bindungen und erleichtert den Zugang zu chinesischen Lieferketten sowie Finanzierungssystemen. Parallel bietet China institutionelle Alternativen zum westlich geprägten Finanzsystem. „Mit seinem internationalen Zahlungssystem CIPS verfügt China über eine Plattform, über die grenzüberschreitende Transaktionen auch außerhalb der klassischen SWIFT-Strukturen abgewickelt werden können“, so Fischer. „Zugleich gewinnt die erweiterte BRICS-Gruppe an Bedeutung. Mittlerweile gehören ihr mehrere große Energieexporteure an, wodurch ein potenzielles Gegengewicht zu den etablierten wirtschaftspolitischen Institutionen des Westens entsteht.“
Symbolisch bedeutsam war ein Schritt im Jahr 2023: Saudi-Arabien begann, einen Teil seiner Ölverkäufe an China in chinesischer Währung abzuwickeln. Noch handelt es sich um begrenzte Volumen. Doch das Signal ist klar: Selbst zentrale Akteure des bisherigen Systems prüfen zunehmend alternative Optionen.
Während die Vereinigten Staaten in den vergangenen zwei Jahrzehnten enorme Summen in militärische Konflikte im Nahen Osten investierten, konzentrierte sich China stärker auf wirtschaftliche Integration und infrastrukturelle Vernetzung. „Hierbei stand vor allem Afrika im Mittelpunkt, wo langfristig die größten Wachstumschancen gesehen werden“, so Fischer. „Der strategische Ansatz ist klar: weniger direkte geopolitische Konfrontation, dafür langfristige wirtschaftliche Verflechtung.“
Vor diesem Hintergrund wirkt Pekings Schweigen im aktuellen Konflikt weniger wie Passivität, sondern vielmehr wie eine kalkulierte Form strategischer Geduld. „Jede geopolitische Eskalation, die Allianzen belastet, Energiepreise destabilisiert oder Kapitalströme verschiebt, könnte indirekt genau jene alternative Wirtschaftsordnung stärken, die China seit zwei Jahrzehnten systematisch aufbaut“, sagt Fischer. Oder, wie in einem Napoleon zugeschriebenen berühmten Bonmot formuliert: „Unterbrich deinen Gegner niemals, wenn er gerade dabei ist, einen Fehler zu machen.“
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