Die US-Notenbank hat die Leitzinsen wie erwartet unverändert gelassen. Überraschend war jedoch die Botschaft hinter der Entscheidung: Die Federal Reserve machte deutlich, dass eine Zinserhöhung keineswegs ausgeschlossen ist. Für viele Anleger kam diese Klarstellung zu spät. „Die Märkte waren zu taubenhaft positioniert“, sagt Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. „Nicht die Fed hat überrascht, sondern die Erwartungen vieler Marktteilnehmer.“
Die Ausgangslage war eindeutig. Die US-Wirtschaft wächst weiter, der Arbeitsmarkt bleibt stabil und die Inflation liegt weiterhin oberhalb des Zielwertes von zwei Prozent. Unter diesen Bedingungen bestand wenig Anlass, den geldpolitischen Kurs zu lockern. Dennoch hatten viele Anleger auf Signale für eine baldige Zinssenkung gehofft. „Diese Hoffnungen wurden enttäuscht“, so Fischer. „Die Projektionen der Notenbank zeigen, dass inzwischen viele Mitglieder des Offenmarktausschusses mindestens eine Zinserhöhung in diesem Jahr für notwendig halten.“ Und der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh machte klar, dass die Bekämpfung der Inflation für ihn oberste Priorität besitzt.
Seine Botschaft: „Wir haben das Ziel fünf Jahre lang verfehlt und das werden wir ändern.“, markiert eine neue Richtung. Die Aussage richtet sich weniger auf die nächste Sitzung als auf die Rolle der Notenbank insgesamt. „Warsh spricht nicht nur über den nächsten Zinsschritt, sondern über den Umbau der Fed selbst“, sagt Fischer. „Damit beginnt ein institutioneller Regimewechsel.“ Bei seiner ersten Sitzung setzte Warsh deutliche Akzente: Das geldpolitische Statement fiel kürzer aus, die übliche Dot-Plot-Prognose entfiel, die bislang umfangreiche Forward Guidance wurde eingedampft.
Damit löst sich die Fed von einem Kommunikationsstil, der den Märkten über Jahre einen vorgezeichneten Zinspfad geliefert hatte. „Warsh möchte mehr Handlungsspielraum erhalten und rückt die Preisstabilität wieder in den Mittelpunkt“, sagt Fischer. „Die Fed will sich künftig stärker an ihrem Mandat orientieren und weniger an der kurzfristigen Steuerung von Markterwartungen.“
Besonders bemerkenswert ist die Ankündigung von fünf Arbeitsgruppen, die zentrale Bereiche der Notenbank überprüfen sollen. Analysiert werden unter anderem die verwendeten Datenquellen, die Kommunikationspolitik, die Bilanzsteuerung und das geldpolitische Rahmenwerk. „Warsh kündigt keine Revolution an, sondern einen Umbau“, sagt Fischer. „Er stellt die Funktionsweise der Fed auf den Prüfstand und gibt sich dafür bewusst Zeit.“ Die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppen werden erst zum Jahresende erwartet. Das unterstreicht den langfristigen Charakter des Vorhabens.
Deutlich schneller reagierten dagegen die Finanzmärkte. Vor allem am kurzen Ende der Zinskurve kam es zu starken Bewegungen. Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen stieg zeitweise um rund 16 Basispunkte. Für einen Handelstag ist das eine außergewöhnliche Veränderung. „Diese Entwicklung ist jedoch weniger Ausdruck einer überraschenden Fed als vielmehr das Ergebnis einer zu optimistischen Positionierung vieler Anleger“, so Fischer. „Die Erwartung einer raschen Lockerung der Geldpolitik hatte sich tief in den Märkten verankert.“ Nach der Sitzung mussten diese Erwartungen korrigiert werden.
Interessant ist dabei auch die politische Dimension. Während Donald Trump seinen Vorgänger Jerome Powell selbst bei Zinssenkungen regelmäßig kritisierte, reagierte das Weiße Haus diesmal anders. Trump ließ Warsh trotz unveränderter Zinsen gewähren und unterstützt ihn. „Das verschafft Warsh einen politischen Startvorteil, den Powell nie hatte“, sagt Fischer. „Damit sinkt kurzfristig das Risiko eines offenen Konflikts zwischen Regierung und Notenbank.“
Für Anleger entsteht daraus eine wichtige Erkenntnis: Die Phase, in der jede Zinspause automatisch als Vorbote einer Lockerung interpretiert wurde, dürfte vorerst beendet sein. „Die Märkte müssen lernen, wieder stärker auf die Inflationsrealität zu achten und weniger auf die Hoffnung einer schnellen geldpolitischen Unterstützung“, sagt Fischer. „Die Fed sendet ein klares Signal: Eine Zinspause ist keine Zinssenkung in Wartestellung.“
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