Moventum: Lebensmittel: Die Teuerungswelle rollt

Agrarrohstoffe verteuern sich rasant und gerade jetzt verschärft sich die Lage: Das Wetterphänomen El Niño gewinnt weiter an Kraft. „Praktisch alle Modelle erwarten eine weitere Verstärkung mit einem Höhepunkt im Herbst 2026“, sagt Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. Hinzu kommen höhere Preise für Energie und Dünger sowie der Ukrainekrieg. In den Supermärkten ist erst ein Teil der Teuerung angekommen, in den nächsten Monaten steht ein weiterer Schub an. Das könnte die Inflation zumindest stabil halten. Für Konsumenten sind das schlechte Nachrichten. „Für Anleger jedoch eröffnet der Trend Chancen“, so Fischer.

Lebensmittel sind ein hochpolitisches Gut – und können Wahlen entscheiden. Schließlich reüssierte Donald Trump 2024 mit dem Slogan „Make eggs cheap again“. Derzeit ist es allerdings vor allem die hohe Inflation, die seine Beliebtheitswerte in den Keller treibt. Auf die Verbraucher in den USA und weltweit kommen voraussichtlich noch weitere Belastungen zu, denn mit den Preisen für Agrarrohstoffe geht es aufwärts. Wesentlicher Grund dafür ist El Niño, der laut US-Klimabehörde NOAA im Juni offiziell begonnen hat. Die Wahrscheinlichkeit für einen sehr starken Verlauf sieht sie bei 63 Prozent.

Am verlässlichsten, so Fischer, zeige sich der Einfluss von El Niño historisch bei Reis und Zuckerrohr aus Südostasien, Kaffee aus Vietnam, Palmöl aus Indonesien, westafrikanischem Kakao sowie bei Hülsenfrüchten und Ölsaaten aus Indien. Die Ernten von Mais, Reis und Weizen dürften insbesondere in Asien und Australien unter Trockenheit leiden. Die Weltbank warnt, dass die Reisproduktion in Malaysia um 20 bis 50 Prozent fallen könnte, für Thailand wird anhaltende Dürre prognostiziert. Darauf reagiert der Markt: Der Nahrungsmittelpreisindex der Welternährungsorganisation FAO lag im September bei 136 Punkten, dem höchsten Stand seit vier Jahren.

Reis ist laut Daten von Trading Economics nun über 55 Prozent teurer als vor einem Jahr. Den höchsten Stand seit drei Jahren erreichten Mais und Weizen. Der Index für Pflanzenöle steht auf dem höchsten Stand seit Juni 2022. Die Aussicht auf Angebotsverknappung hat Zucker auf Jahressicht um fast 25 Prozent verteuert.

Insgesamt sind es mehrere Preistreiber, die derzeit wirken: Erstens verknappt El Niño das Angebot bei den wichtigsten Grundnahrungsmitteln und tropischen Rohstoffen. Zweitens verteuern sich Dünger und Energie – Harnstoff stieg im April über 850 Dollar je Tonne, ein Plus von 80 Prozent seit Februar, denn rund ein Viertel der weltweiten Exporte kommt aus dem Nahen Osten. Zudem verteuert der hohe Ölpreis den Transport. Und schließlich behindert der Ukrainekrieg die Versorgung mit Weizen: Der Export des Großproduzenten Ukraine hat sich auf Jahressicht halbiert.

Das Problem der Landwirte: Die Lebensmittelpreise legen nicht im gleichen Maß zu wie ihre Kosten. „Die Bauern erleben eine Art Bezahlbarkeitskrise“, so Fischer. Einige sparen daher am Dünger, doch wer weniger düngt, erntet auch weniger. „Der Schock wirkt also mit Verzögerung.“

In den Supermärkten dürfte das ganze Ausmaß der Teuerung erst noch ankommen. So sind die Folgen von El Niño in der Palmölproduktion noch gar nicht spürbar. Trockenstress zeigt sich erst sechs bis zwölf Monate später in den Erträgen. Während die Preise für frisches Obst und Gemüse sofort auf Angebotsverknappungen reagieren, folgen Reis und Weizen erst nach drei bis sechs Monaten, verpackte Lebensmittel und Speiseöle erst nach sechs bis zwölf Monaten, wenn die alten Verträge auslaufen. Das Analysehaus Risilience hält Preisschocks von 10 bis 50 Prozent bei wichtigen Agrarrohstoffen für möglich, bei Reis, Palmöl, Zucker und Kaffee sogar von 50 bis 100 Prozent.

Was bedeutet das für die Finanzmärkte? Die Preiswelle bei Lebensmitteln könnte die Inflation höher ausfallen lassen als erwartet. „Das spricht gegen schnelle Zinssenkungen der Notenbanken“, sagt Fischer. Aktien und Anleihen bekämen von dieser Seite also keine Unterstützung. Daneben eröffnen sich allerdings auch Investmentchancen: bei Agrarrohstoffen, aber auch bei Agrartechnik, Bewässerung und Düngerherstellern außerhalb der Golfregion. „Besonderen Belastungen“, so Fischer, „sehen sich dagegen die importabhängigen Schwellenländer gegenüber, zum Beispiel Ägypten als größter Weizenimporteur der Welt, ebenso die Philippinen und Pakistan. Dort drohen Währungsdruck und soziale Spannungen.“

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