Ein Kommentar von Mathias Beil, Leiter Private Banking bei der Hamburger Sutor Bank:
Der Kapitalmarkt hat eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er liebt Berechenbarkeit. Was er hingegen eigentlich verabscheut, sind politische Schocks, geopolitische Eskalationen und Handelskriege. Umso erstaunlicher ist die Entwicklung der vergangenen Monate. Denn obwohl Donald Trump genau jene Unsicherheiten produziert, die Investoren traditionell meiden, steigen die Märkte weiter. Der S&P 500 markiert Rekordstände, der Nasdaq ebenfalls, viele internationale Leitindizes ziehen mit. Die Märkte werden vom Politikstil Donald Trumps langsam, aber sicher nach oben geschaukelt.
Es ist das Resultat eines politischen Mechanismus, den die Börsen inzwischen offenbar gelernt haben. Trump erzeugt Krisen. Danach inszeniert er ihre Lösung. Erst kommt der Schock, dann der Deal. Erst maximale Unsicherheit, dann die Verkündung eines historischen Erfolgs. Genau dieses Muster ließ sich 2025 bei den sogenannten Liberation Day-Zöllen beobachten. Die Märkte brachen massiv ein, nachdem Trump umfassende Strafzölle angekündigt hatte. Kurz darauf folgten Aufschübe, Teilabkommen und Ausnahmen – und die Aktienmärkte drehten wieder nach oben.
Die Wall Street hat diesem Verhalten längst einen Namen gegeben: Taco Trade – Trump Always Chickens Out. Gemeint ist die Erwartung, dass Trump nach maximaler Eskalation am Ende doch zurückrudert. Märkte kaufen inzwischen nicht mehr Stabilität, sondern die Erwartung zukünftiger Entspannung. Das ist psychologisch nachvollziehbar – ökonomisch jedoch hochproblematisch.
Denn die zentrale Frage lautet: Warum sollte eine Situation besser sein als zuvor, nur weil man eine selbst verursachte Verschlechterung teilweise zurücknimmt? Wenn ein Staat Zölle erhebt, Lieferketten destabilisiert, geopolitische Spannungen verschärft und anschließend einen Teil dieser Belastungen wieder abbaut, entsteht daraus kein neuer Wohlstand. Es entsteht lediglich eine Rückkehr in Richtung Ausgangspunkt. Die ökonomische Substanz verbessert sich dadurch nicht. Und genau hier liegt die gefährliche Verzerrung der aktuellen Börsenlogik.
Die Märkte feiern heute vielfach nicht reale Wertschöpfung, sondern die Verringerung zuvor künstlich erzeugter Risiken. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Ein echter Bullenmarkt basiert auf Produktivitätsfortschritten, technologischen Innovationen, steigenden Unternehmensgewinnen und nachhaltigem Wachstum. Der aktuelle Markt dagegen reagiert häufig auf politische Dramaturgie. Natürlich existieren daneben reale Wachstumstreiber. Der globale KI-Boom, massive Infrastrukturinvestitionen in Rechenzentren und hohe Unternehmensgewinne großer Technologiekonzerne liefern den Märkten echte Unterstützung. Doch selbst diese Faktoren erklären nicht vollständig die Geschwindigkeit und Gleichgültigkeit, mit der Investoren inzwischen politische Risiken ignorieren.
Risiken verschwinden nicht, nur weil Märkte sich an sie gewöhnen. Im Gegenteil: Je häufiger politische Eskalation als Börsenstrategie funktioniert, desto größer wird die Versuchung, sie erneut einzusetzen. Genau das macht die Lage gefährlich. Wenn Märkte lernen, jede Krise als spätere Kaufchance zu interpretieren, verlieren sie ihre wichtigste Funktion: Risiken rational zu bewerten.
Die Geschichte der Finanzmärkte zeigt jedoch, dass solche Mechanismen irgendwann brechen. Nicht jede Eskalation lässt sich kontrollieren. Nicht jeder Handelskrieg endet mit einem Deal. Nicht jede geopolitische Krise bleibt kalkulierbar. Gerade im Iran-Konflikt sieht man, wie dünn die Linie zwischen politischer Inszenierung und realwirtschaftlicher Beschädigung ist. Schon die Angst um die Straße von Hormus lässt Ölpreise massiv schwanken.
Die eigentliche Gefahr liegt nicht im nächsten Trump-Tweet. Sie liegt in der Möglichkeit, dass Investoren irgendwann erkennen, dass politisches Schaukeln keine Wertschöpfung ersetzt. Dass das Zurücknehmen von Schäden nicht dasselbe ist wie Fortschritt. Und dass ein Markt, der auf permanente künstliche Spannung angewiesen ist, irgendwann an Glaubwürdigkeit verliert.
Bislang funktioniert das Spiel. Aber Märkte, die sich an politische Inszenierung gewöhnen, verlieren ihren Realitätssinn. Und das endet an der Börse selten geräuschlos.“

