aream: Strom so teuer wie seit vier Jahren nicht mehr

Strom ist in Deutschland so teuer wie seit vier Jahren nicht mehr. Am Day-ahead-Markt kostete die Megawattstunde im Oktober bisher im Schnitt rund 168 Euro. Teurer war Strom zuletzt im November und Dezember 2022. Damals lag der Monatsdurchschnitt bei 173,60 und 251,60 Euro. „Der jetzige Preis liegt damit sogar über dem Niveau von März 2022, als der Ukrainekrieg gerade begonnen hatte“, sagt Patrick Lemcke-Braselmann, CEO der aream Group. „Der Grund dafür liegt in den hohen Gaspreisen.“

Seit Januar 2023 lagen die Preise in keinem Monat so hoch wie heute, der bisherige Höchstwert wurde mit rund 145 Euro im September 2026 erreicht. „Wir erleben hier eine massive Gaspreiskrise“, sagt Lemcke-Braselmann. „Der Strompreis folgt dem Gaspreis und solange Gaskraftwerke abends den Preis setzen, zahlen Haushalte und Industrie die Rechnung für knappes Gas.“

Der Anstieg beim Gas ist dabei noch augenscheinlicher: „Seit Beginn des Irankriegs Ende Februar 2026 ist der europäische Gaspreis stark gestiegen“, sagt Lemcke-Braselmann. „Am Handelspunkt TTF lag er Mitte Oktober bei fast 90 Euro je Megawattstunde, fast dreimal so viel wie vor einem Jahr.“ Und Gaskraftwerke bestimmen in den Abend- und Nachtstunden fast immer den Strompreis. „So kommt der hohe Gaspreis direkt an der Strombörse an“, sagt Lemcke-Braselmann.

Hier ist auch keine Besserung in Sicht: Durch die Straße von Hormus kommt weiterhin über 75 Prozent weniger Flüssiggas als vor dem Krieg. „Die deutschen Speicher waren Anfang Oktober nur zu 58 Prozent gefüllt, gegenüber einem Fünfjahresmittel zu dieser Zeit von 86 Prozent“, so Lemcke-Braselmann. „Dieses Risiko preist der Markt ein.“

Bei der untertägigen Betrachtung fällt auf, dass vor allem die Stunden ohne Sonne teuer sind. „Im Herbst endet die Solareinspeisung früher, sie fällt in rund vier Stunden zum Teil von 40 Gigawatt auf fast Null“, so Lemcke-Braselmann. „Der Verbrauch liegt dann bei 50 bis 58 Gigawatt, es entsteht also eine Lücke.“ Weht dann wenig Wind, füllen Gaskraftwerke diese Lücke, was im September 2026 zu Preisspitzen von über 700 Euro je Megawattstunde führte. Auch die Nachbarländer haben in diesen Stunden wenig Strom übrig, den Deutschland importieren könnte.

Von März bis August 2026 blieb der Strompreis dagegen in den Mittagsstunden, wenn die Solareinspeisung am stärksten ist, im Schnitt unter 50 Euro. „Seit Jahresbeginn kommt der Anstieg überwiegend aus den Abend- und Nachtstunden“, sagt Lemcke-Braselmann. „Das zeigt sich auch daran, dass der Abstand zwischen der teuersten und der günstigsten Stunde eines Tages im Vergleich zum Vorjahr von 123 auf 161 Euro gewachsen ist.“

Das wiederum bedeutet: Solarstrom hält die Preise in den Mittagsstunden in sonnenreichen Monaten niedrig. „Was fehlt, ist Strom an Frühlings- und Sommerabenden und im Herbst und Winter auch tagsüber“, so Lemcke-Braselmann. „Dafür brauchen wir insbesondere im Winterhalbjahr mehr Windanlagen und mehr Batteriespeicher für die Tagesrandzeiten, am besten direkt an den Solarparks. Darauf fokussieren wir uns.“

Beim Ausbau der Windkraft an Land liegt Deutschland deutlich hinter dem Plan. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sieht 84 Gigawatt bis Ende 2026 und 115 Gigawatt bis 2030 vor. „Mitte Oktober 2026 müssten demnach rund 82 Gigawatt am Netz sein“, sagt Lemcke-Braselmann. „Doch Ende Juni waren es gerade einmal 69,95 Gigawatt, netto kamen nur 1,93 Gigawatt im ersten Halbjahr 2026 dazu.“ Die Fachagentur Wind und Solar hält das Ziel bis Ende 2026 für nicht mehr erreichbar.

Auch auf See geht es langsam voran. Dort waren Ende Juni 10,8 Gigawatt installiert. Das Ziel von 30 Gigawatt bis 2030 erwartet die Branche erst für 2032. „Jedes Windrad und jeder Speicher, die heute fehlen, ersetzen wir abends durch Gaskraftwerke“, sagt Lemcke-Braselmann. „Wind weht auch nachts und im Winter. Genau dann ist Strom am teuersten. Wer die Preise senken will, muss Genehmigungen beschleunigen und neue Anlagen schneller ans Netz bringen. Darüber hinaus entlasten Speicher direkt am Solarpark das Netz und senken den Abendpreis. Die Politik sollte sie beim Netzanschluss favorisieren, statt sie mit dem Redispatch-Vorbehalt zu bestrafen.“