J.P. Morgan AM: Themen und Statements rund um den Halbjahresausblick 2026

1. Konjunkturelle Resilienz: Wachstumsdelle vs. Systemkrise

Analyse der aktuellen Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft gegenüber den massiven Angebotsschocks im Energiesektor und die Prognose für die zweite Jahreshälfte.

Statement Tilmann Galler: „Wir erleben zurzeit eine bemerkenswerte Resilienz der Weltwirtschaft. Trotz eines enormen Angebotsschocks im Energiesektor ist die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe nicht kollabiert. Wir fahren zwar teilweise durchaus auf Reserve, was die Energieversorgung betrifft, aber die Chancen stehen sehr gut, dass wir ohne größere Verwerfungen und wirtschaftliche Schäden durch das Jahr kommen. Was wir aktuell sehen, ist eine graduelle Schwäche, eine vorübergehende Konjunkturpause, aber kein Absturz. Das stabile Umfeld und die Ertragslage der Unternehmen rechtfertigen es, dass Risikonahme auch für die zweite Jahreshälfte sinnvoll bleibt.“

2. Technologie-Investitionen: Der Hardware-Superzyklus der KI

Einordnung des historischen Investitionsbooms im Technologiesektor und die Verschiebung der Wertschöpfung hin zu den physischen Komponenten der KI-Infrastruktur.

Statement Tilmann Galler: „Wir sind Zeugen der kapitalstärksten Investitionsoffensive in einen technologischen Wandel. Die Beträge, die aktuell in KI-Infrastruktur fließen, sind bereits heute größer als die Investitionen während der Einführung des Internets oder des Personal Computers. Bis Ende 2030 erwarten wir ein kumuliertes Investitionsvolumen von fast 5 Billionen US-Dollar. Dabei wandelt sich der Fokus: Wie beim Goldrausch profitieren aktuell vor allem die ‚Materialhersteller‘ – also diejenigen, die die Schaufeln, die Hacken und die Infrastruktur für die Rechenzentren bereitstellen. Wir erleben hier einen Superzyklus, in dem die Gewinne mit den Kursen mitziehen. Ein Beispiel ist Micron: Hier ist der Gewinn pro Aktie heute so hoch wie der Aktienkurs vor zwei Jahren.“

3. Strukturwandel der Markttreiber: Der Übergang zur Fiskaldominanz

Die langfristigen Auswirkungen massiver Staatsausgaben auf das Inflationsregime und die Volatilität an den globalen Anleihemärkten.

Statement Tilmann Galler: „Wir lassen die Ära der monetären Dominanz der Vorpandemiezeit hinter uns und gehen in eine Phase der Fiskaldominanz über. Nicht mehr die Notenbanken dominieren mit ihrer Politik allein das Geschehen, sondern massive Staatsausgaben für Verteidigung, grüne Transformation und soziale Kohäsion. Dieser strukturelle Wandel bringt zwar mehr Wachstum, aber eben auch mehr Inflation und eine höhere Volatilität an den Anleihemärkten. In den USA sehen wir in den nächsten zehn Jahren durchschnittliche Haushaltsdefizite von 7 Prozent. Der Staat hat das Kommando übernommen, was die Variablen für Investoren grundlegend verändert.“

4. US-Mid-Term-Wahlen: Marktimplikationen eines gespaltenen Kongresses

Prognose der fiskalpolitischen Spielräume nach den Wahlen im November und die potenziellen Rückwirkungen auf die Renditen von US-Treasuries.

Statement Tilmann Galler: „Die US-Wahl im November ist entscheidend für den weiteren Fiskalkurs. Sollte es zu einem ‚Political Gridlock‘ kommen – also einem gespaltenen Kongress, in dem die Demokraten das Repräsentantenhaus kontrollieren, aber im Senat keine Mehrheit haben – wäre das für die Rentenmärkte gar nicht so schlecht. Ein solcher Zustand würde den extrem expansiven Ausgabenkurs bremsen und eine unfreiwillige Stabilisierung bewirken. Ohne diese Bremse besteht das Risiko, dass der Anleihemarkt irgendwann wie bei Liz Truss in Großbritannien reagiert und bei der Refinanzierung der Defizite die Gefolgschaft verweigert, was die Treasuries Richtung 5 Prozent treiben könnte.“

5. Schwellenländer: Transformation zum globalen Tech-Zentrum

Die Neuausrichtung der Emerging Markets weg von Rohstoffabhängigkeiten hin zu einer Schlüsselrolle in der globalen Hardware-Lieferkette.

Statement Tilmann Galler: „Die Emerging Markets sind heute kein reiner Rohstoff-Proxy mehr, sondern haben sich zu einem Tech-Markt gewandelt – allerdings mit einer anderen Komposition als die USA. In Regionen wie Taiwan oder Südkorea sitzt die Hardware-Basis der KI-Revolution. Fast 50 Prozent der Indizes sind dort mittlerweile technologisch geprägt. Die Kursgewinne basieren hier nicht auf KGV-Ausweitungen, sondern auf einer dramatisch verbesserten Gewinnsituation. Solange die Fed die Zinsen nicht weiter erhöht und der US-Dollar tendenziell schwächer tendiert, bleibt diese Region für den Rest des Jahres eine der interessantesten Opportunitäten.“

6. Alternative Anlagen: Kreditrisiken im Bereich Private Credit

Einordnung der Ausfallraten und der systemischen Relevanz des wachsenden Private-Credit-Marktes im Vergleich zu klassischen Kreditbuch-Zyklen.

Statement Tilmann Galler: „Private Credit ist auf fast 2,5 Billionen US-Dollar angewachsen, was primär eine Folge der strengeren Bankenregulierung nach der Finanzkrise ist. Wir sehen zwar punktuell spektakuläre Ausfälle, bewerten dies aber nicht als systemisches Risiko. Es handelt sich um ein zyklisches Kreditbuch. Bei einer aktuellen Ausfallquote von 2,8 Prozent und Renditen um die 9 Prozent sind die Risiken im historischen Vergleich immer noch gut kompensiert. Es ist eine Assetklasse, die ihre Attraktivität behält, auch wenn die Risiken durch die wirtschaftliche Lage zunehmen.“

7. Portfolio-Allokation: Schutz vor Opportunitätskosten und Inflation

Strategische Überlegungen zur Diversifikation durch Sachwerte und die Bedeutung langer Durationen als Absicherung gegen technologische Risiken.

Statement Tilmann Galler: „Das größte Risiko für Anleger ist es derzeit, aus Angst in einer hohen Cash-Position zu verharren. Der größte Feind von Cash-Investments sind neben der Inflation vor allem die Opportunitätskosten. In einer Welt der Fiskaldominanz gewinnen reale Vermögenswerte wie Infrastruktur oder auch der Transportsektor massiv an Bedeutung, da sie oft über einen inhärenten Inflationsschutz verfügen. Wer sich aber gegen ein spezifisches Technologierisiko absichern möchte, findet den besten Schutz nicht in Cash, sondern in Anleihen hoher Qualität mit langer Duration. Sollte es zu einer Tech-Krise kommen, wäre diese zutiefst deflationär, was Anleihen zum idealen Puffer im Portfolio macht.“