Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt und hat auch beim Wirtschaftswachstum die Volksrepublik China längst überholt. Setzt sich der Boom fort, wird Indien das „neue China“? Anleger sollten vorsichtig sein, sagt Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. Denn das indische Modell zeigt strukturelle Schwächen. Sichtbar werden sie im Unternehmenssektor.
Indien ist einer der Motoren der Weltwirtschaft. Das rasante Wachstum hat das Land zur sechstgrößten Ökonomie der Welt gemacht, kaufkraftbereinigt liegt es bereits an dritter Stelle. Doch hinter dieser Erfolgsgeschichte verbirgt sich eine rätselhafte Schwäche: beachtliche Unternehmensgewinne bei gleichzeitig schwacher Investitionstätigkeit.
Indische Unternehmen erwirtschaften aktuell Gewinne in Höhe von rund sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – ein historisch hoher Wert. Anders als in China fließt allerdings ein erheblicher Teil dieser Erträge nicht in den Ausbau von Produktionskapazitäten, Infrastruktur oder industrielle Wertschöpfung. Laut Weltbank liegt die Bruttoanlageinvestitionsquote (Gross Capital Formation) bei knapp 30 Prozent des BIP, während China deutlich über 40 Prozent erreicht.
„Diese Divergenz ist ein entscheidender Unterschied zwischen beiden Volkswirtschaften“, erklärt Fischer. Während China seine industrielle Basis systematisch erweitert und technologische Kapazitäten ausbaut, agieren viele indische Unternehmen vorsichtiger. Die Folge sind gebremste Produktivitätsfortschritte, eine langsamere Industrialisierung und eine begrenzte Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze.
Besonders ausgeprägt ist diese Zurückhaltung im Mittelstand. Zwar investieren große Konglomerate wie Tata, Reliance oder Adani weiterhin massiv in Infrastruktur, Halbleiter und digitale Technologien. „Viele mittelgroße Unternehmen setzen jedoch verstärkt auf kapitalarme Geschäftsmodelle“, so Fischer, „oder verlagern Vermögen in Family Offices, anstatt in neue Produktionsanlagen zu investieren.“
Für Indiens weiteren Entwicklungspfad ist dies von zentraler Bedeutung. Das Land hat bereits erfolgreich einen konsum- und dienstleistungsgetriebenen Wachstumsschub erlebt. „Der nächste Schritt erfordert jedoch eine stärkere industrielle Basis“, sagt Fischer. Höhere Investitionen in Fertigung, Infrastruktur und Technologie sind entscheidend, um Produktivität und Einkommen nachhaltig zu steigern. „Denn hohe Gewinne allein schaffen keinen breiten Wohlstand“, erklärt Fischer. Erst die Reinvestition in Innovation, Kapazitäten und Beschäftigung entfaltet langfristige wirtschaftliche Dynamik.
Hinzu kommt ein zeitlicher Faktor: Indien profitiert aktuell von einer jungen, wachsenden Erwerbsbevölkerung. Dieses demografische Fenster wird sich jedoch in den kommenden Jahrzehnten schließen. „Die aktuelle Phase bietet daher eine historische Gelegenheit, die wirtschaftliche Basis des Landes auf ein höheres Produktivitätsniveau zu heben“, sagt Fischer. Diese Zeit sollte genutzt werden.
Für Anleger bleibt Indien eine der attraktivsten langfristigen Wachstumsstorys weltweit. „Der entscheidende Indikator wird jedoch sein, ob es gelingt, die hohen Unternehmensgewinne künftig stärker in reale Investitionen umzulenken“, so Fischer. Gelingt dieser Übergang, könnte Indien den nächsten großen Entwicklungssprung vollziehen. Andernfalls droht das Wachstum hinter seinem erheblichen Potenzial zurückzubleiben.
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