Die politische Debatte in den USA wird von zwei Extremen geprägt: MAGA-Wirtschaftsnationalismus auf der einen Seite, demokratischer Sozialismus auf der anderen. Dazwischen herrscht zunehmend Leere. „Im Vorfeld der Kongresswahlen ist die wirtschaftspolitische Mitte ausgedünnt“, erklärt Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. Gleichzeitig greift Washington immer stärker in die Wirtschaft ein. Bei der Geldanlage reicht daher die Analyse ökonomischer Kennzahlen nicht mehr aus.
Die politische Mitte gilt als stabilisierende Kraft. Der Soziologe Theodor Geiger sah in ihr bereits 1930 den „Träger einer Ausgleichsfunktion“. Die Mitte bildet quasi das Zentrum und dient analog zum Erdkern als magnetischer Anziehungspunkt, der den Zusammenhalt des Ganzen gewährleistet. Umso beunruhigender ist die wachsende Polarisierung in den USA vor den Kongresswahlen. Beide politischen Ränder setzen dabei unter anderem auf stärkeren staatlichen Einfluss auf die Unternehmen.
Sichtbar ist dies an der abnehmenden wirtschaftlichen Freiheit in den USA. Im Länderranking der US-Denkfabrik Heritage Foundation, das 184 Staaten umfasst, stehen die Vereinigten Staaten trotz diesjähriger Erholung mittlerweile nur noch auf Platz 22 – hinter Tschechien und knapp vor dem so oft als überreguliert gescholtenen Deutschland. Im V-Dem-Index, der die staatliche Kontrolle der Wirtschaft misst, rutschten die USA 2025 vom zweiten auf den 16. Rang ab: ein Abstieg von 14 Rängen innerhalb nur eines Jahres. „Das ist ein deutlicher Hinweis auf zunehmende staatliche Eingriffe in die US-Wirtschaft“, so Fischer.
Lange standen die Republikaner für Liberalismus und Deregulierung. Doch auch sie haben sich vom klassischen Freihandelskurs verabschiedet: Zölle, Industriepolitik, Exportkontrollen, staatliche Unternehmensbeteiligungen und Druck auf die Notenbank prägen die nationalistische MAGA-Agenda unter dem Motto „America First!“. Firmen müssen betriebswirtschaftliche Kriterien zurückstellen und ihre Investitionen und Strategien verstärkt an den politischen Prioritäten der Regierung ausrichten.
Die Demokratische Partei rückt ihrerseits wirtschaftspolitisch weiter nach links. Innerhalb der Parteibasis gewinnen Forderungen nach stärkerer staatlicher Regulierung, nach Umverteilung und sozialpolitischen Maßnahmen an Bedeutung. Damit kommt die Partei insbesondere bei jüngeren Wählern gut an. Dies stärkt den Einfluss linker Gruppen wie der „Democratic Socialists of America“ auf die zukünftige Ausrichtung der Demokraten.
„Die Ursachen dieser Entwicklung sind nachvollziehbar“, so Fischer. Hohe Vermögensungleichheit und steigende Lebenshaltungskosten erhöhten den Wunsch nach staatlicher Absicherung ebenso wie wirtschaftliche Unsicherheit und die Angst vor den Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz. Hier tue sich jedoch ein Widerspruch auf. „Obwohl das Vertrauen in die Regierung historisch niedrig ist, fordern beide politischen Lager gleichzeitig mehr staatlichen Einfluss auf die Wirtschaft.“
Sowohl rechte als auch linke Wirtschaftspolitik führen zu mehr staatlicher Intervention. Zwar nutzen beide Lager unterschiedliche Instrumente, so Fischer. Beide aber entfernen sich vom traditionellen marktwirtschaftlichen Liberalismus und treiben sich dabei gegenseitig an die Ränder: Ein stärkerer wirtschaftlicher Nationalismus auf republikanischer Seite fördert linke Gegenbewegungen und umgekehrt. Viele Wähler sehen sich damit gezwungen, zwischen zwei interventionistischen Wirtschaftsmodellen zu wählen.
„Die größte Sorge dürfte für Anleger das Verschwinden einer marktwirtschaftlichen Mitte in den USA sein“, erklärt Fischer. Unabhängig vom Wahlausgang dürfte der Einfluss des Staates auf die US-Wirtschaft strukturell zunehmen. Erfolg und Misserfolg von Unternehmen hängen damit immer öfter von staatlicher Industriesteuerung ab, von Regulierung, Zöllen und Förderprogrammen. „Der Markt wird immer politischer“, sagt Fischer. Die wachsende Polarisierung der Lager hinsichtlich Steuerpolitik und Investitionsbedingungen erhöhe die Unsicherheit. „Für Investoren gewinnt die politische Analyse neben klassischen Fundamentaldaten weiter an Bedeutung, da wirtschaftspolitische Entscheidungen zunehmend einen direkten Einfluss auf Unternehmensbewertungen und Kapitalströme haben.“
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