Sutor Bank: 15 Jahre Bitcoin: Wertspeicher statt alltägliche Kryptowährung

Vor 15 Jahren, am 31.10.2008 veröffentlichte Satoshi Nakamoto sein berühmtes Whitepaper mit dem Titel „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“. Darin beschrieb er die technischen Grundlagen des Bitcoin und damit auch die der Blockchain-Technologie. Hat sich Nakamotos Utopie, für die Bitcoin die technisch-monetäre Grundlage sein sollte, tatsächlich realisiert? „Die große Utopie eines dezentralen Finanzsystems ohne Banken und frei von staatlichen Eingriffen ist nicht Realität geworden und wird wahrscheinlich auch nicht Realität werden. Auch wenn hier und da mit Bitcoin gezahlt werden kann, sind wir noch sehr weit weg von alltäglichen Kryptozahlungen“, erklärt Hartmut Giesen, Krypto-Experte bei der Hamburger Sutor Bank. Trotzdem hat sich unter den Kryptowährungen der Bitcoin und die Blockchain als Technologie in bestimmten Bereichen etabliert. Vor allem zwei Anwendungsfälle des Bitcoin haben sich durchgesetzt, meint Hartmut Giesen – als Wertspeicher sowie als Zahlungsmittel für spezielle Zwecke.

Rolle als Wertspeicher – Zulassung von Bitcoin-ETFs als Preistreiber?

Für die Menschen hierzulande ist der Bitcoin in erster Linie ein Anlageobjekt, das unterschiedliche Zwecke erfüllen kann: vor Inflation schützen, ein Portfolio als alternative Assetklasse diversifizieren oder als Spekulationsobjekt dienen. Die Bedeutung des Bitcoin als Anlageobjekt zeigt die aktuelle Diskussion um die Zulassung von Bitcoin-ETFs in den USA. Von Bitcoin-ETFs versprechen sich Marktanalysten und Bitcoin-Fans einen nachhaltigen Durchbruch und eine kontinuierliche Wahrnehmbarkeit des Bitcoin, auch außerhalb von „Hype-Phasen“. Als kurzzeitig die Falschmeldung kursierte, dass der ETF schon zugelassen sei, stieg der Preis kurzfristig um 8 Prozent.

„Von einem zugelassenen ETF könnten auch Kryptozahlungen als Anwendungsfall profitieren, weil ein regulierter ETF suggeriert, dass die zugrundliegenden Assets ‚seriös‘ sind. Interessant dabei ist, dass der Bitcoin eigentlich erfunden worden ist, um Regulierung zu entgehen. Jetzt zeigt sich, dass der Bitcoin-Preis und die Akzeptanz des Bitcoin mit der Regulierung steigt, ausgenommen die Krypto-Contra-Regulierung in den USA“, sagt Hartmut Giesen.

Dass der Bitcoin heute eher als langfristiges Anlageobjekt gesehen wird, zeigt auch das Verhalten von Bitcoin-Haltern. Über 69 Prozent der Wallet-Adressen haben ihre Bitcoins schon länger als ein Jahr gehalten, besagt die Statistik der Analyseplattform IntoTheBlock.

Special-Purpose-Zahlungsmittel

Zwar ist der Bitcoin nicht zu einem Alltagszahlungsmittel geworden, hat sich jedoch als „Special-Purpose-Zahlungsmittel“ etabliert – eingesetzt wird er immer dann, wenn staatliche Währungen und/oder das regulierte Finanzsystem nicht genutzt werden kann oder soll. „Die Gründe für diesen speziellen Zahlungsmitteleinsatz sind vielfältig und sind nicht nur auf die Bereiche Kriminalität, Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung, wie gerne unterstellt wird, beschränkt. Sowohl die Hamas als auch die ukrainische Armee nutzen Bitcoin-Zahlungen für ihre Finanzierung. Abgesehen davon ist Bitcoin aufgrund der Nachvollziehbarkeit der Transaktionen und der Sichtbarkeit von Wallets mit ihren Holdings längst nicht so gut für Geldwäsche und kriminelle Zahlungen geeignet, wie gemeinhin angenommen“, stellt Hartmut Giesen fest.

Gründe für die Bitcoin-Nutzung könnten Staatsversagen, fehlendes Vertrauen in Staaten, labile Währungen, mangelnde Versorgung mit Banking-Services oder Krisen sein. „Viele dieser Anwendungsfälle sind aus der Perspektive eines mit Banken überversorgten Landes mit einem der stabilsten Finanzsysteme nicht immer nachvollziehbar“, ergänzt Giesen.

Ein unreguliertes Bitcoin-System wird es nicht geben

Für Staaten war schnell klar, dass sie ein unreguliertes, unzensiertes, dezentrales Finanzsystem nicht dulden werden. In Deutschland beispielsweise durfte schon seit 2013 Bitcoin offiziell nicht gekauft oder verkauft werden, ohne dass ein reguliertes Unternehmen für den Handel eingesetzt wird. Mit der MiCA-Verordnung wird es in der gesamten EU künftig eine Regulierung geben, die das Angebot von Kryptodienstleistungen nur mit entsprechenden Lizenzen erlaubt. „Regulierung wirkt auch immer als Verbraucherschutz. Deshalb steigt mit der Regulierung auch die Akzeptanz des Bitcoin in der Bevölkerung“, sagt Krypto-Experte Giesen. Wobei nicht der Bitcoin an sich reguliert wird, sondern der Zugang und die notwendigen Dienstleistungen, um den Bitcoin zu nutzen – so bleibt trotz der Regulierung ein „freier“ Kern bestehen.

Paradoxerweise gehören Staaten inzwischen zu den stärksten Preiskräften, da der Bitcoin-Preis etwa sowohl auf Leitzinsänderungen als auch auf Regulierung reagiert.

Blockchain als Vertrauensinfrastruktur

Als den wohl nachhaltigsten Beitrag des Bitcoin könnte sich nach Ansicht von Hartmut Giesen die zugrunde liegende Blockchain-Technologie erweisen. „Sie macht erstmals den digitalen Versand von Werten möglich und digitalisiert Vertrauen. Beides hängt eng miteinander zusammen“, sagt Giesen. Damit habe die Blockchain das Potenzial, sowohl die Infrastruktur der Finanz- und Kapitalmärkte als auch die der „Vertrauensindustrie“ wie Vertrags- und Identitätswesen, Datenschutz, Gerichte oder Notare zur revolutionieren.

Noch gibt es jenseits von Bitcoin und Ethereum keine breiten Blockchain-Anwendungen. „Es hat jedoch auch bei anderen Technologieinnovationen wie Elektrizität und selbst bei der Digitalisierung von Informationen zum Teil Generationen gedauert, bis sie adaptiert wurden und sie ihr volles Potenzial entwickeln konnten“, sagt Hartmut Giesen. Bei der Blockchain komme hinzu, dass sich immer verschiedene Parteien darauf einigen müssten, dass sie die Wahrheit repräsentiert und dass die Use Cases überwiegend in gesetzlich regulierten Bereichen liegen. „Diese Gesetze müssen zunächst für den Blockchain-Einsatz angepasst werden“, sagt Giesen. Mit Blick auf die nächsten 15 Jahren könne es daher noch einige dynamische Entwicklungen bei Bitcoin und Blockchain geben.