Bei den kommenden Wahlen in Brasilien geht es um Großes: um einen möglichen Rechtsruck in Lateinamerika, um Korruptionsvorwürfe und um die Weltmacht-Konkurrenz zwischen den USA und China. „Am Ende aber dürfte die wirtschaftliche Lage den Ausschlag geben“, kommentiert Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. Doch die wird immer prekärer. Worauf Anleger achten müssen.
Am 4. Oktober wählen die Brasilianer ihren nächsten Präsidenten. Ausgefochten wird das Rennen im Großen und Ganzen zwischen zwei Kandidaten: dem Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und seinem Herausforderer Flávio Bolsonaro, dem ältesten Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro, der wegen eines Putschversuchs unter Hausarrest steht. Er darf nicht kandidieren, weswegen das rechte Lager seinen Sohn Flávio nominiert hat. Sollte Bolsonaro gewinnen, wäre mit wenigen Ausnahmen in Südamerika die Rechte an der Macht.
Wenig genutzt hat ihm bisher allerdings die Wahlempfehlung Donald Trumps. Der US-Präsident unterstützt Bolsonaro, ebenso der argentinische Präsident Javier Milei. „Die ausländische Unterstützung könnte zum Eigentor für Bolsonaro werden“, erklärt Fischer. Lula hingegen nutzt die Einmischung Trumps, um sich als Verteidiger der nationalen Souveränität und des globalen Südens zu positionieren. Er rückt demonstrativ an China, Russland und Iran heran, die wie Brasilien der BRICS-Staatengruppe angehören.
Noch im August sahen die Prognosemärkte Lula mit einer Gewinnwahrscheinlichkeit von rund 67 Prozent klar vorn. Seitdem aber hat der Wind gedreht: Auf der Prognoseplattform Polymarket wird Bolsonaro aktuell als Favorit gehandelt, Lula ist zurückgefallen. „Bolsonaro profitiert von der wachsenden Ermüdung gegenüber Lulas Arbeiterpartei“, erklärt Fischer. Hinzu komme, dass sich Teile der brasilianischen Gesellschaft in den vergangenen Jahren politisch konservativer entwickelt hätten.
Doch auch Bolsonaro hat ein Mobilisierungsproblem: Er kämpft insbesondere um weibliche Wähler und hat Schwierigkeiten, das gesamte rechte Lager hinter sich zu vereinen. Gleichzeitig tragen Kontroversen und der polarisierende Familienname dazu bei, dass auch seine Ablehnungswerte wie die von Lula mit rund 50 Prozent hoch bleiben. „Viele Brasilianer dürften deshalb weniger aus Begeisterung als nach dem Prinzip des kleineren Übels abstimmen. Noch ist das Rennen offen“, so Fischer.
Wahlentscheidend dürften am Ende weder die Geopolitik noch politische Richtungsfragen sein, sondern die wirtschaftliche Lage, deren zentrale Bedeutung derzeit in vielen Ländern sichtbar wird – von den US-Midterms bis zu den deutschen Landtagswahlen. „Inflation, Kaufkraft, Arbeitsmarkt und öffentliche Sicherheit könnten für die Brasilianer wichtiger werden als politische Ideologie“, sagt Fischer.
Ökonomisch sprechen für Lula derzeit die niedrige Arbeitslosigkeit und gesunkene Armutsraten infolge gezielter Ausgabenprogramme. Kurz vor der Wahl wurden die Sozialleistungen erneut erhöht. Gleichzeitig aber stellt sich die Frage, wie lange der expansive Fiskalkurs aufrechterhalten werden kann. Die Staatsverschuldung steigt, die Zentralbank bekämpft die Inflation mit Zinserhöhungen, was wiederum das Wachstum belastet und den Schuldendienst der brasilianischen Haushalte erhöht. Beide Kandidaten versprechen Einsparungen nach der Wahl. Die Frage bleibt, wie belastbar solche Ankündigungen sind.
Was bedeutet das für Anleger? Noch ist die gesamtwirtschaftliche Lage gut. Lateinamerika – insbesondere Brasilien und Argentinien – profitiert von stabileren makroökonomischen Rahmenbedingungen und robusten Rohstoffmärkten. „Als Investitionsziel bleibt Brasilien interessant aufgrund seiner Rohstoffe, seines großen Binnenmarktes und seiner Bedeutung innerhalb der Emerging Markets“, kommentiert Fischer. Kurzfristig dürfte die Wahl jedoch brasilianische Aktien, Anleihen und die Landeswährung Real stärker schwanken lassen. „Entscheidend“, so Fischer, „wird weniger der Name des Wahlsiegers sein als dessen Wirtschaftsagenda.“ Fiskaldisziplin, Reformbereitschaft und ein verlässlicher Rahmen für private Investitionen bleiben die zentralen Faktoren für internationale Anleger.
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