Moventum: Pharmaindustrie: Das Zeitalter des Westens endet

In der globalen Pharmaindustrie entsteht ein neues Machtgefüge: China holt rasant auf und fordert die USA heraus. „Innovation wird damit endgültig global – doch Zugang, Preise und Märkte könnten politischer werden“, so Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. Die Pharmabranche wird zu einem Modell für das neue Zeitalter.

Die globale Pharmaindustrie steht vor einem historischen Umbruch. Jahrzehntelang dominierten die USA und Europa die Entwicklung neuer Medikamente. „Doch dieses unipolare System gehört der Vergangenheit an“, sagt Fischer. Stattdessen zeichnet sich eine bipolare Struktur ab: China steigt als zweite Innovationsmacht neben den USA auf.

Die Volksrepublik hat in den vergangenen Jahren nicht nur quantitativ aufgeholt, sondern setzt zunehmend auch qualitativ neue Maßstäbe. Die Zahl klinischer Studien liegt inzwischen auf Augenhöhe mit den USA, in einzelnen Bereichen übernimmt das Land bereits die Führung. Parallel dazu wächst die Pipeline neuer Wirkstoffe rasant, insbesondere in frühen Entwicklungsphasen.

Diese Dynamik bleibt nicht ohne Folgen für die globale Kapitalallokation: „Das Geld folgt den Chancen“, erklärt Fischer. Internationale Pharmakonzerne investieren Milliarden in chinesische Biotech-Unternehmen, sichern sich gezielt Wirkstoffe über Lizenzdeals und Kooperationen. China entwickelt sich damit vom reinen Produktionsstandort zu einem zentralen Innovationshub der Branche.

Getrieben wird dieser Aufstieg maßgeblich durch staatliche Industriepolitik. Die Regierung in Peking fördert Forschung und Entwicklung strategisch und langfristig. Laut OECD übersteigen die chinesischen Ausgaben dafür inzwischen jene der USA. „Während in Washington über Budgetkürzungen diskutiert wird, skaliert China seine Innovationsbasis systematisch weiter“, so Fischer.

Strukturelle Wettbewerbsvorteile verstärken diesen Trend: Ein großer Patientenpool ermöglicht China schnellere und kostengünstigere klinische Studien, regulatorische Prozesse wurden deutlich beschleunigt und international ausgebildete Wissenschaftler kehren nach China zurück – ein „Reverse Brain Drain“.

Auch die Qualität der Innovationen zieht nach. Daten des Analysehauses Citeline zufolge bringt China mittlerweile mehr neue Medikamente auf den Markt als jedes andere Land. Zwar bleiben die USA führend bei sogenannten Innovationssprüngen und „First-in-Class“-Therapien, doch der Vorsprung schrumpft spürbar.

Für Märkte und Patienten hat diese Entwicklung laut Fischer weitreichende Konsequenzen. Medikamente dürften tendenziell günstiger und breiter verfügbar werden. Gleichzeitig steigt der Margendruck auf etablierte westliche Pharmaunternehmen – zusätzlich verstärkt durch Indien, das als Generika-Macht zunehmend zum globalen Preisdämpfer wird und den Zugang zu Medikamenten maßgeblich beeinflusst.

Aber auch für die Volksrepublik bestehen weiterhin Hürden: Klinische Studien in China basieren häufig auf vergleichsweise homogenen Populationen, was den globalen Zulassungsprozess verzögern kann. Zudem bleiben regulatorische Anforderungen für internationale Märkte hoch. Hinzu kommt eine wachsende geopolitische Dimension: Lieferketten für Wirkstoffe und Vorprodukte könnten politisiert werden, Handelsrestriktionen auf Medikamente und Biotechnologie sind denkbar. Statt globaler Integration droht eine Fragmentierung der Märkte.

„Damit stehen beide Systeme vor strategischen Herausforderungen“, erklärt Fischer. China müsse seine Innovationskraft skalieren, ohne geopolitische Spannungen weiter zu verschärfen. Die USA wiederum sehen sich unter Druck, ihre industrielle und technologische Basis im Pharmasektor zu stärken.

„Für Investoren wird Pharma damit zu einem Schlüsselsektor im globalen Systemwettbewerb“, sagt Fischer. Besonders attraktiv seien Plattformen und Unternehmen, die Zugang zu beiden Innovationssphären hätten. Gleichzeitig steigen die Risiken durch regulatorische Komplexität und fragmentierte Märkte. Für die gesamte Branche bedeutet das: Die nächste Generation medizinischer Durchbrüche wird globaler entstehen als je zuvor. Doch ihr Zugang könnte regionaler, politischer und strategischer geprägt sein.

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