Der aktuelle Vorstoß großer EU-Staaten zur Zentralisierung der Finanzaufsicht sollte kritisch begleitet werden. Das europäische Streben nach einer Kapitalmarktunion ist wichtig, doch die geplante Bündelung von mehr Aufsichtsbefugnissen bei der ESMA kann leicht übers Ziel hinausschießen. Marktintegration darf nicht zu einer schleichenden Zentralisierung der Aufsicht führen, die die Potenziale einzelner Finanzplätze schwächt.
Ein Kommentar von Daniel Knoblach, Verwaltungsrat der Super Global Services SA.
Es ist gut, dass die seit Langem angestrebte Kapitalmarktunion wieder Thema bei Mitgliedsstaaten und EU-Institutionen ist. Schließlich ist sie ein wichtiger Hebel, um in einem stärker integrierten Kapitalmarkt mehr privates Kapital für Investitionen zu mobilisieren. Mehr Harmonisierung und einheitlichere Standards sind grundsätzlich sinnvoll, wenn dadurch grenzüberschreitende Strukturen schneller und effizienter umgesetzt werden können.
Die jüngste Initiative der sogenannten E6 – Deutschland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Polen und Spanien – könnte allerdings auf ein falsches Gleis führen. Die Finanzminister der sechs Länder fordern, die Befugnisse der Finanzmarktaufsicht ESMA zu stärken. Über eine schrittweise Übertragung der Kontrolle über große Handelsplätze und Krypto-Dienstleister auf die EU-Behörde könnte man diskutieren. Vorab aber muss hinterfragt werden, welche Kompetenzen überhaupt zentralisiert werden sollen. Sonst kommt es in kleinen Schritten zu einer Machtballung, die dem Ziel eines stärkeren europäischen Kapitalmarkts letztlich zuwiderläuft.
Gerade spezialisierte Finanzplätze wie Luxemburg verfügen über gewachsene Expertise, kurze Wege und viel Erfahrung mit grenzüberschreitenden Strukturen. Diese Alleinstellungsmerkmale dürfen nicht geschwächt werden. Vielmehr sollten sie als Teil einer vielfältigen europäischen Kapitalmarktarchitektur verstanden werden. Doch genau die droht verloren zu gehen, wenn die Befürworter der Zentralisierung den Ton vorgeben.
Die Union braucht zur Stärkung ihres Finanzmarktes keinen Einheitsansatz. Ein „One size fits all“-Modell ignoriert gewachsene Realitäten und gelebte Flexibilität. Wenn lokale Aufsichtskompetenzen schrittweise erodieren, geht dem Markt die nötige Flexibilität verloren. Immer mehr Einheitsregeln für die Aufsicht werden den vielschichtigen Anforderungen moderner Märkte nicht gerecht.
Für eine erfolgreiche Integration kommt es auf eine Balance an. Statt Befugnisse pauschal zu zentralisieren, muss die EU auf die Koordination starker Partner setzen. Der richtige Ansatz ist ein Gleichgewicht aus europäischen Standards, effizienter Koordination und lokaler Expertise. So bleibt der Finanzplatz Europa wettbewerbsfähig und gleichzeitig nah an den Anforderungen des Marktes.
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