ETFs lösen mehr und mehr klassische Investmentfonds ab. Während dies in Deutschland vor allem durch Mittelumschichtungen geschieht, werden in den USA ganze Fonds umgewandelt. „Aus Fonds wird ETF“, sagt Mathias Beil, Leiter Private Banking bei der Sutor Bank. „Damit gehen in den USA Anbieter den Weg, den die Anleger hierzulande vorgeben.“ Denn das Ziel sei immer: Geringere Kosten und mehr Handelsmöglichkeiten.
In den USA ist dieser Wandel bereits auf Produktebene sichtbar. Seit 2021 wurden gemäß Morningstar Direct dort 203 klassische Mutual Funds in ETFs umgewandelt. Den Anfang machte Guinness Atkinson. Seitdem hat die Entwicklung an Fahrt gewonnen. Allein 2025 gab es 60 Konversionen, 31 Fondsgesellschaften waren daran beteiligt. „Und das Volumen ist beträchtlich“, sagt Beil. „Mehr als 260 Milliarden US-Dollar wurden bislang auf diesem Weg in ETF-Strukturen überführt.“ Von den 203 konvertierten Fonds wurden 29 später liquidiert. Damit sind 174 ETFs auf dem Markt, die ursprünglich klassische Fonds waren. „In den USA sehen wir keinen schleichenden Wandel mehr, die Fondsgesellschaften bauen ihre Produktpaletten um“, sagt Beil. „Das ist eine strukturelle Veränderung des Marktes.“
Die Gründe liegen auch im US-Steuersystem. Im Jahr 2025 schütteten nur neun Prozent der aktiven ETFs Kapitalgewinne aus. Bei aktiven Investmentfonds (Mutual Funds) waren es 53 Prozent. Dazu kommen häufig niedrigere Kosten. ETFs lassen sich zudem während des Handelstages kaufen und verkaufen. Die Nachfrage der Anleger unterstützt diese Entwicklung. Im ersten Quartal 2026 flossen mehr als 500 Milliarden US-Dollar in die in den USA zugelassenen ETFs. Das war der höchste Wert, der je in einem Quartal erreicht wurde. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht dies einem Plus von 17 Prozent.
„Die nächste Konversionswelle ist bereits absehbar“, sagt Beil. „Weitere US-Anbieter haben für die zweite Jahreshälfte 2026 Umwandlungen angekündigt, Hartford Funds etwa hat dafür auch schon die Zustimmung seines Boards erhalten.“
Deutschland: Umschichtung statt Umwandlung
In Deutschland sieht die Entwicklung anders aus. „Eine direkte Umwandlung klassischer Publikumsfonds in ETFs ist rechtlich nicht so einfach möglich wie in den USA“, so Beil. „Deshalb gibt es hier keine vergleichbare Konversionswelle auf Produktebene.“ Doch beim Kapital zeigt sich eine ähnliche Richtung. Nach Daten des BVI flossen im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 51,8 Milliarden Euro in Publikumsfonds. Davon entfielen 39,6 Milliarden Euro auf ETFs. Damit kamen 76 Prozent der Nettozuflüsse ETFs zugute. Im ersten Halbjahr 2025 waren es noch 60 Prozent. Im zweiten Quartal 2026 wurde der Unterschied noch deutlicher. Von jedem neu investierten Euro in Publikumsfonds flossen 96 Cent in ETFs.
„Deutschland hat keine große Konversionswelle bei den Fonds“, sagt Beil. „Das übernehmen die Anleger mit ihrer Nachfrage.“ Geld wird aus klassischen Fonds abgezogen und in ETFs gesteckt. „Das Ergebnis ähnelt dem in den USA, nur der Weg dorthin ist ein anderer“, sagt Beil. Damit stehen die Fondsgesellschaften auf beiden Seiten des Atlantiks vor derselben Frage. Wie reagieren sie auf eine Nachfrage, die sich immer stärker in Richtung ETF verschiebt?
In den USA können Anbieter bestehende Fonds in eine ETF-Struktur überführen. Das bestehende Vermögen bleibt damit im Produkt. Die Fondsgesellschaft muss nicht darauf warten, dass Anleger aus einem klassischen Fonds aussteigen und anschließend einen ETF kaufen, der möglichst auch aus dem eigenen Haus stammt.
In Deutschland bleiben bestehende Fonds erhalten, bekommen aber nicht mehr viel neues Kapital. Bleiben Zuflüsse aus, sinkt ihre Bedeutung im Neugeschäft. Dabei bedeutet ETF nicht automatisch passives Investieren. Gerade in den USA werden auch aktive Strategien in eine ETF-Hülle übertragen, auch in Deutschland gewinnen aktive ETFs an Beliebtheit bei den Anlegern. Der Wettbewerb verschiebt sich damit von der Frage aktiv oder passiv zunehmend zur Frage, welche Produktstruktur Anleger bevorzugen.
„Der ETF gewinnt nicht nur als Indexprodukt, er gewinnt als Hülle“, sagt Beil. „Das ist für die Fondsindustrie eine massive Veränderung, denn ETFs sind günstiger, es bleibt weniger Geld beim Fondsanbieter.“ Klassische Fonds werden aus Sicht von Mathias Beil nach und nach verschwinden, denn die bisherige Struktur biete Anlegern zu wenig Vorteile.

