Sutor Bank: Wenn Zinsen ihre Macht über Währungen verlieren

Zinserhöhungen stärken eine Währung, Zinssenkungen schwächen sie. So lautet die Grundregel am Devisenmarkt. Die vergangenen Jahre zeigen, dass diese Regel funktionieren kann. Sie zeigen aber auch ihre Grenzen. „Zuletzt haben die Zinsen die Macht über die Währungen bereits oft genug verloren“, sagt Mathias Beil, Leiter Private Banking der Sutor Bank GmbH. „Denn Anleger kaufen nicht den Zins allein. Sie bewerten zugleich Politik, Staatsfinanzen, Risiken und die Zinsdifferenz zu anderen Währungsräumen.

„Zinsen sind ein wichtiger Faktor für Wechselkurse. Sie sind aber nie der einzige. Entscheidend ist, warum die Zinsen steigen und welches Risiko der Anleger dafür übernimmt“, sagt Beil. Grundsätzlich funktioniert der Mechanismus recht einfach: Steigen die Zinsen in einem Land oder Währungsraum, wird es für Anleger attraktiver, dort Kapital anzulegen. Die Nachfrage nach der Währung steigt. Ihr Kurs sollte folgen.

Ein Beispiel dafür liefert die US-Notenbank. Zwischen März 2022 und Juli 2023 erhöhte die Federal Reserve ihren Leitzins von 0,25 auf 5,5 Prozent. Der Dollar gewann gegenüber einem Korb wichtiger Währungen rund 15 Prozent. Kapital floss in Dollar-Anlagen. Der Euro fiel zeitweise unter die Parität zum Dollar. Der Zinsvorsprung der USA machte Anlagen dort attraktiver. Noch deutlicher fiel die Reaktion in der Türkei aus. Die türkische Notenbank erhöhte ihren Leitzins zwischen Mai 2023 und Anfang 2024 von 8,5 auf 45 Prozent. Damit reagierte sie auf den jahrelangen Wertverlust der Lira. Die Abwertung stoppte nicht. Ihr Tempo nahm aber ab.

Auch Brasilien zeigt, wie stark dies wirken kann. Der Leitzins erreichte 2023 zeitweise 13,75 Prozent. Das hohe Zinsniveau zog Carry Trades an. Investoren nahmen Kapital in Währungen mit niedrigen Zinsen auf und investierten in brasilianische Anleihen. Der Real profitierte. „Der Zins wirkt vor allem über die Differenz zu anderen Märkten. Wer fünf oder zehn Prozentpunkte mehr erhält, nimmt dafür unter bestimmten Bedingungen ein Währungsrisiko in Kauf. Voraussetzung ist aber, dass der Markt Vertrauen hat“, sagt Beil.

Wenn die Lehrbuchlogik endet

Und genau hier endet die einfache Lehrbuchlogik. Japan liefert dafür ein Beispiel. Im März 2024 erhöhte die Bank of Japan erstmals seit 17 Jahren ihren Leitzins. Er stieg von minus 0,1 auf 0,1 Prozent. Der Yen wertete trotzdem weiter ab. Der Grund lag im Zinsunterschied zu den USA. Dort lagen die Zinsen noch immer rund fünf Prozentpunkte höher. Für Carry Trader änderte sich deshalb zunächst wenig. Erst im Juli 2024 verschob sich die Lage. Die Bank of Japan erhöhte erneut. Zugleich rückten Zinssenkungen in den USA näher. Carry Trades wurden aufgelöst. Der Yen gewann innerhalb weniger Wochen fast 15 Prozent. „Nicht die Zinserhöhung allein war entscheidend. Entscheidend war die Erwartung über die künftige Zinsdifferenz“, sagt Beil.

Großbritannien zeigte 2022 eine andere Grenze. Die Bank of England erhöhte ihren Leitzins zwischen August 2022 und August 2023 von 1,75 auf 5,25 Prozent. Trotzdem geriet das Pfund unter Druck. Im September 2022 fiel es gegenüber dem Dollar zeitweise auf 1,035. Auslöser war das sogenannte Mini-Budget der Regierung von Liz Truss. Nicht gegenfinanzierte Steuersenkungen lösten Zweifel an den Staatsfinanzen aus. Investoren zogen Kapital ab. Höhere Zinsen konnten diesen Vertrauensverlust nicht kompensieren. Auch der Dollar zeigte nach dem sogenannten Liberation Day am 2. April 2025 dieses Muster. Der Zinsvorsprung gegenüber Europa lag weiter bei rund 200 Basispunkten. Dennoch verlor der Dollar gegenüber dem Euro. Investoren bewerteten politische Risiken, Konjunkturaussichten und die Rolle des Dollar neu.

„Der Kurs einer Währung ist am Ende auch ein Vertrauenspreis“, sagt Beil. „Wenn Zweifel an Politik, Staatsfinanzen oder wirtschaftlicher Stabilität wachsen, reichen höhere Zinsen nicht zwingend aus. Anleger verlangen dann nicht nur mehr Rendite. Sie reduzieren ihr Risiko“, führt Beil aus. Für Anleger folgt daraus aus seiner Sicht eine einfache Konsequenz: „Zinsdifferenzen bleiben ein wichtiger Indikator. Sie sollten aber nicht isoliert betrachtet werden. Entscheidend sind auch Kapitalströme, Fiskalpolitik und politische Risiken“, erklärt Beil. Hinzu komme die Positionierung großer Marktteilnehmer. „Der Zins allein hat keine Macht. Nur zusammen mit viel Vertrauen und wenig geopolitischem Störfeuer kann er sie ausspielen. Doch gab es in letzter Zeit eher wenig Vertrauen und viel Störfeuer“, fasst Mathias Beil zusammen.