Über viele Jahre hinweg galt der japanische Yen als eine der langweiligsten, ruhigsten Währungen der Welt. Wer in Yen investierte, wusste meist schon im Voraus, was ihn erwartete. Genau das hat sich seit einigen Monaten spürbar geändert. „Der Yen ist aufgewacht und schwankt gewaltig“, sagt Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. „Diese Bewegung könnte sich noch verstärken.“
Seit Anfang September 2026 ist der Kurs des Yen gegenüber dem Euro und dem Dollar kräftig gestiegen. Innerhalb weniger Tage bewegte sich der Wechselkurs um mehr als vier Prozent. Solche Sprünge waren beim Yen lange die Ausnahme, nicht die Regel. „Die nächste Sitzung der japanischen Notenbank ab dem 17. September 2026 wird hier möglicherweise die Richtung weisen“, so Fischer.
Historisch betrachtet war der Yen lange eine schwankungsarme Währung. Nach dem Ende der festen Wechselkurse in den Siebzigerjahren begann der Yen zu schwanken, blieb aber über lange Phasen bemerkenswert stabil. „In Krisenzeiten wie 2008 oder nach dem Erdbeben 2011 diente er Anlegern oft als sicherer Hafen“, sagt Fischer. „Ab den 2010er-Jahren kehrte sich dieses Muster jedoch um.“ Während andere Notenbanken die Zinsen anhoben, hielt die japanische Notenbank an einem Zinsniveau nahe Null fest. Aus der einstigen Fluchtwährung wurde eine Finanzierungswährung.
Hier setzen die sogenannten Carry Trades an. Investoren leihen sich Yen zu sehr niedrigen Kosten und legen das Geld in Währungen mit höheren Zinsen an. Über Jahre funktionierte dieses Geschäft zuverlässig und trug dazu bei, dass der Yen dauerhaft schwach blieb. „Im August 2024 zeigte sich jedoch, wie schnell ein solches Geschäft kippen kann“, so Fischer. „Eine Zinserhöhung der japanischen Notenbank und schwache US-Konjunkturdaten lösten damals eine plötzliche Auflösung vieler Positionen aus.“ Die Folge waren heftige Kursausschläge an den Aktienmärkten in Japan und den USA. Seither ist die Zahl der spekulativen Wetten gegen den Yen zwar deutlich zurückgegangen. „Ein Teil der strukturellen Nachfrage nach günstigem Yen bleibt jedoch bestehen“, sagt Fischer. Das Risiko einer erneuten, wenn auch kleineren Auflösung solcher Positionen ist damit nicht verschwunden.
Auch auf politischer Ebene hat sich das Bild verändert. Die japanische Regierung griff in den vergangenen Jahren wiederholt am Devisenmarkt ein, um den Kursverfall des Yen zu bremsen. Im Frühjahr 2026 erreichte eine solche Intervention einen neuen Höchstwert. Bemerkenswert ist zudem eine Entwicklung vom August dieses Jahres. „Erstmals seit der gemeinsamen Aktion der großen Industrienationen im Jahr 2011 hat sich wohl auch die amerikanische Seite direkt am Kauf von Yen beteiligt“, sagt Fischer. „Damit rückt eine echte Abstimmung zwischen Japan und den USA wieder in den Vordergrund, statt nur unterstützender Worte aus Washington.“
Nun richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem auf die Sitzung der japanischen Notenbank am 17. und 18. September 2026. Viele Beobachter halten eine weitere Zinserhöhung für wahrscheinlich. Gestützt wird diese Erwartung durch ein Lohnwachstum in Japan, das so stark ausfällt wie seit fast dreißig Jahren nicht mehr. Auf der anderen Seite bleibt die amerikanische Notenbank vorsichtig und wartet auf weitere Konjunkturdaten. Jede Verschiebung der Zinserwartungen zwischen beiden Ländern wirkt sich unmittelbar auf den Wechselkurs aus.
„Aber es gibt noch mehr, was für zusätzliche Bewegung sorgen kann“, sagt Fischer. „So lief am Optionsmarkt rund um bestimmte Kursmarken zuletzt viel Volumen aus, was die Ausschläge verstärken kann.“ Auch geopolitische Spannungen im Nahen Osten treiben über steigende Ölpreise die Nachfrage nach sicheren Anlagen wie dem Yen an. Zudem positionieren sich zunehmend Investoren auf einen weiter erstarkenden Yen bis zum Jahresende.
Eine mögliche Zinswende in Japan trifft auf eine abwartende amerikanische Notenbank. Politischer Rückenwind aus Washington kommt hinzu. Und im Hintergrund bleibt ein Teil der alten Carry-Trade-Positionierung bestehen. „Diese Mischung macht neue, deutliche Kursbewegungen beim Yen in den kommenden Monaten wahrscheinlich“, so Fischer. „Ob sich daraus ein Umbruch wie im August 2024 entwickelt, bleibt offen.“ Die Ausgangslage ist heute eine andere, denn die Positionierung ist kleiner und der Zinsabstand zwischen Japan und den USA hat sich bereits verringert. Der jahrelange Ruf des Yen als langweilige Währung aber dürfte der Vergangenheit angehören.

